html_5 Quartiersmanagement Schiller-Kiez: Geht das nicht auch einfacher? Warum man Barrieren im Kiez nicht hinnehmen sollte und es uns alle betrifft!
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Geht das nicht auch einfacher? Warum man Barrieren im Kiez nicht hinnehmen sollte und es uns alle betrifft!

Ein Interview mit Hannah Nagl und Oliver Burda über Berliner Stadtmöbel, Aufklärungsarbeit und einem Design For All.

Hannah Nagl und Oliver Burda beim Mahlower Straßenfest im Mai 2018
Ein Ausschnitt der Kiezanalyse © Plus Umfeld GbR

Zur Projekthalbzeit hat Plus Umfeld vom Inklusionsprojekt „Schillerkiez inklusiv gestalten!“ die Erhebungen im Kiez abgeschlossen: Sie haben vermessen, aufge- nommen, mit NachbarInnen gesprochen und selbst viel Neues über den Kiez gelernt. Was Barrierefreiheit und Inklusion angeht wird sehr deutlich: „Zu tun ist viel im Schillerkiez“. Unsichere Kreuzungen, kaum Leitsysteme, freie Regenentwässerung direkt auf den Bürgersteig, Verkehrsschilder und Poller am falschen Ort, „Wildparken“ im großen Stil und überwucherte Wege – die Erhebung bietet einen beachtlichen Zwischenstand. Wo genau die Probleme liegen und wie man beginnen könnte, über ganzheitliche Lösungen nachzudenken, diskutierten Hannah Nagl, Oliver Burda und Kiezredakteurin Alina Schütze im Juni im QM-Büro.

KIEZREDAKTION
In ihrer Erhebung wird von vielseitigen Bedarfen bezüglich einer ganzheitlichen Barrierefreiheit gesprochen. Könnten Sie noch einmal zusammenfassen, welche dieser Bedarfe für die BewohnerInnen am wichtigsten waren?

HANNAH NAGL
Ja, die Querungen, z.B. der Kreuzungen an der Weisestraße oder Schillerpromenade Ecke Selchower Straße. Außerdem die schlechte Gehwegbeschaffenheit und die hohen Bordsteine.

OLIVER BURDA
Die Fahrradtauglichkeit des Kiezes wurde auch generell kritisiert. Dass die Leute über die Bürgersteige
fahren, was der schlechten Straßenbeschaffenheit zu schulden ist. Viele wissen, dass es einen Radweg an der Oderstraße gibt, aber man kommt von der Hermannstraße natürlich schlecht dorthin.

HANNAH NAGL
Und natürlich der Konflikt, der dadurch entsteht, zwischen den Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern – der ist problematisch. Weil die Autofahrer so viel Platz beanspruchen und die Radfahrer verständlicherweise auf den Gehweg ausweichen. Vor allem für Menschen mit Beeinträchtigungen oder Ältere ist das schwierig, die haben natürlich am meisten Probleme mit den Radfahrern auf dem Gehweg.

OLIVER BURDA
Und das Müllproblem wurde immer wieder angesprochen. Was aber nicht nur der Situation zu schulden ist, dass man nicht genug Mülleimer hat, sondern dass der fehlende Bezug zum Kiez bzw. die fehlende Teilhabe von Bewohnern des Kiezes zu weniger Achtsamkeit führt.

KIEZREDAKTION
Die teils fehlende Identifikation mit dem Kiez konnten Sie in ihren Gesprächen mit KieznutzerInnen also direkt raushören?

OLIVER BURDA
Ja, das schieben einige auch auf die Besucher des Tempelhofer Feldes, die von der U8 zum Feld gehen und ihren Müll entsorgen aber das ist nicht der einzige Grund. Die haben ja normalerweise kein Sofa dabei, das schnell mal am Straßenrand abgestellt wird. Sperrmüll ist ein sehr großes Problem.

KIEZREDAKTION
Wenn Sie noch einmal ihre eigene Analyse betrachten und unabhängig von der Realisierbarkeit urteilen: Was wäre der dringendste Bedarf? Was ist eigentlich nicht akzeptabel so wie es gerade ist?

OLIVER BURDA
Da muss man gut überlegen, wo man anfängt (lacht). Also z.B. die Gefahrenpunkte – Situationen wie Löcher oder Wurzeln im Gehwegbereich, freie Entwässerungen, die im Winter zu Glatteis führen, Hindernisse, sind nicht akzeptabel. Als erstes kommt immer die Sicherheit, dass jeder im Kiez schadenfrei überall hin gehen kann.

HANNAH NAGL
Ich bin wieder bei den Querungen, weil ich finde, dass das wirklich für jeden Menschen, egal was er kann, was er nicht kann oder was für Hilfsmittel er benutzt, wichtig ist. Weil es wichtig ist, dass sich die Kinder hier alleine im Kiez bewegen können. Es ist ja überall Zone 30 aber das funktioniert ohne sichere Querungen trotzdem nicht. Das Ziel wäre, dass jeder Mensch intuitiv und ohne Hilfsmittel Straßen überqueren kann.

KIEZREDAKTION
Das ist ja alles sehr physisch, vor allem auf den gebauten öffentlichen Raum bezogen. Wurde in den Gesprächen auch ein allgemeines Bewusstsein von Inklusion im weiteren Sinne von Diversity zum Thema?

OLIVER BURDA
Da haben wir eine positive Grundlage im Kiez, weil die meisten Bewohner, ob jung oder alt, eher eine weltoffene Einstellung haben. Aber wirkliche Barrierefreiheit und Inklusion ist für viele dann doch noch ein fremdes Thema. Frau Nagl hat das immer so
toll definiert: Inklusion ist die Barrierefreiheit, die von allen selbstverständlich gelebt wird. Bei Barrierefreiheit denken viele eben an Rollstuhlrampe und bei Inklusion, und das ist dieses Vorurteil, an die kognitiv eingeschränkten Kinder in der Schulklasse, die den Unterricht stören. Das wird auch leider durch die Presse so geprägt. Es geht aber auch um temporäre Einschränkungen oder Bequemlichkeiten (z.B. wenn man sich mit einem Rollkoffer durch die Straßen bewegt, doch mal aufs Handy schaut oder sich beim Sport verletzt hat). So kann ein Poller wirklich für jeden ein Problem werden. Es ist wichtig, dass man Barrieren nicht einfach so hinnimmt. Man muss bedenken: Das bequeme Leben in einem Umfeld ist kein Zufall und man kann etwas dafür tun.

HANNAH NAGL
Es ist schon eine Art Aufklärungsarbeit und so sehen wir das auch. Es heißt ein Bewusstsein zu schaffen, was Inklusion bedeutet. Und hoffentlich trägt es Früchte. Es gibt für mich noch zwei Beispiele, die ich hinzufügen würde, die vielleicht auch nicht-physisch sind. Es gibt einen Spruch, der heißt: „Barrierefreiheit ist für 5% der Bevölkerung zwingend notwendig, für 40% hilfreich und für alle komfortabel.“ Und das ist es ja eigentlich. Alle haben einen Nutzen davon. Es gibt Untersuchungen von Aktionen, da wurden die UN-Menschenrechtskonventionen gedruckt und verteilt und zwar zweiseitig, der Originaltext und auf der anderen Seite das Gleiche in leichter Sprache. Es wurde herausgefunden, dass sich 80% der Leute lieber die Seite in leichter Sprache durchgelesen haben. Das ist nichts Gebautes, nichts Greifbares, aber es ist viel einfacher und schneller zu verstehen. Wie zum Beispiel auch ein Leitsystem in dem ich mich schnell
zurecht finde und nicht lange suchen muss.

OLIVER BURDA
Daher kommt das Design For All, von dem eben alle etwas haben. Das ist das Bewusstsein, dass wir schaffen wollen. Und das Design For All betrifft eben nicht nur das Bauliche, sondern eben auch Kommunikation, Netzwerke und digitale Medien.

KIEZREDAKTION
Können Sie etwas zum Produkt sagen, das nach drei Jahren QM-Projekt entstehen soll?

HANNAH NAGL
Wir werden ein schriftliches Inklusionskonzept verfassen. Es wird die große Karte des Kiezes geben (aus der sie am Ende des Artikels einen Ausschnitt sehen können, Anm. d. Red.), das Produkt unserer Begehung und Erhebung, also des Bedarfs. Und wir werden Maßnahmen vorschlagen, die wir dann priorisieren. Es kann sein, dass einzelne kleine Projekte schon im Rahmen dieses Projektes angestoßen werden. Aber das ist kein Muss.

OLIVER BURDA
Und es bezieht sich auf den Bestand, so wie er ist, also die Verbesserung der bestehenden Situation. Es wird keine Gesamtplanung im Sinne einer Leitplanung geben, das wäre dann vielleicht ein Folgeprojekt.

HANNAH NAGL
Ein gutes Beispiel sind DIN-gerechte, barrierefreie Querungsmöglichkeiten. Das ist hier gar nicht so
einfach umsetzbar und gibt es daher gar nicht im Kiez. Das kann man vielleicht in einem Neubauquartier von vorne herein anlegen aber wir sind hier nun mal im Gründerzeitquartier und können natürlich keinen Totalumbau machen. Es geht darum, dass es für möglichst alle Beteiligten gut und einfach nutzbar wird, dann ist den meisten geholfen. Und das ist das Ziel. Nicht, dass wir stur irgendwelchen DIN-Normen folgen.

KIEZREDAKTION
Wenn sie über das Projekt hinaus Wünsche formulieren könnten, wie sähe das perfekte Ergebnis der Umsetzung aller Bedarfe aus?

OLIVER BURDA

Gute Frage (lacht).

HANNAH NAGL
Das Schönste wäre, wenn jemand neu in den Kiez kommt, spezielle Bedürfnisse hat und trotzdem alles
einfach findet und intuitiv nutzen kann. Er würde nicht ausgegrenzt werden, er könnte in seiner oder in einfacher Sprache Informationen finden, wüsste, wo er Anlaufpunkte hat, wäre sozial integriert und könnte alle Angebote im Kiez nach seinen Fähigkeiten nutzen. Und dabei spielt es keine Rolle ob er sehen, hören, laufen kann oder welche Sprache er spricht. Das ist natürlich das Ideal!

OLIVER BURDA
Wir wünschen uns, dass sich durch dieses Projekt und durch die Leitlinien, die wir dann formulieren, der Schillerkiez kontinuierlich in diese Richtung weiterentwickelt. Das kann Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, man sollte es immer als Vision vor Augen haben und versuchen sich den 100% anzunähern, Stück für Stück.

 

 

Eine PDF-Version des Interviews kann hier heruntergeladen werden. Für Fragen zum Projekt wenden Sie sich gerne an info@quartiersmanagement.de