html_5 Quartiersmanagement Schiller-Kiez: Gremium, Forum oder Stammtisch?
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Gremium, Forum oder Stammtisch? Das Schillament findet sein Format

Interview mit Joan Hoffmann

Teilhabe hinterfragen, überdenken, immer wieder aushandeln und vor allem erproben - Projektleiterin Joan Hoffmann spricht im Interview mit den Projekteinblicken darüber, wie sich das SCHILLAMENT als neues Beteiligungsformat im Kiez in einem gemeinschaftlichen Prozess gestalten kann.

 

Liebe Joan, wie bist du zu deiner Tätigkeit beim Evangelischen Friedhofsverband Berlin Stadtmitte bzw. dem SCHILLAMENT gekommen?

In meinem Architekturstudium hatte ich von Anfang an einen Fokus auf die Nutzer*innen-Perspektive. Meine Abschlussarbeit im Bereich Architekturpsychologie hat mein Interesse für die Gestaltung unserer unmittelbaren Lebensumgebungen noch vertieft. Dabei interessiert mich besonders das auch durch räumliche Situationen geprägte individuelle Empfinden und Verhalten, ebenso wie das zwischenmenschliche Miteinander in privaten und öffentlichen Lebensbereichen. Ein übergeordneter Studienschwerpunkt wurde daher die soziale und vorrangig gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung. Nach meinem Uniabschluss habe ich zunächst für ein Berliner Landschaftsarchitekturbüro im Bereich der Bürger*innenbeteiligung gearbeitet. Über eine Vermittlung meiner Initiativbewerbung beim Unternehmen STATTBAU bin ich dann zum Friedhofsverband gekommen und habe so nun die tolle Gelegenheit, in das spannende SCHILLAMENT-Projekt einzusteigen.

 

Wie würdest du das SCHILLAMENT in ein, zwei Sätzen beschrieben? Was ist für dich die zentrale Idee des Projekts?

Im Rahmen der Verstetigung des Quartiersmanagements Schillerpromenade stellt sich natürlich die Frage, wie die Kiez-Beteiligung weiterhin gestaltet werden kann. Wie kann sinnvoll an die bisherigen Gremien Quartiersrat und Aktionsfondsjury angeknüpft werden? Die nachbarschaftliche Teilhabe und Mitgestaltung im Schillerkiez soll erhalten bleiben, in Form einer Art“ Schiller-Parlamentes“. Idee ist es, aus bisher gesammelten Erfahrungen zu lernen, aber auch neue Akteur*innen und Interessierte zu gewinnen und zu aktivieren. Fragestellungen und Anliegen, mit denen sich bisher der Quartiersrat auseinandergesetzt hat, richten sich künftig also an die gesamte Kiezbewohner*innenschaft. Dabei wäre es wünschenswert in verschiedenster Hinsicht die Vielfalt und Diversität im Quartier auch mitabzubilden – kulturell, wie auch bezüglich der Altersstruktur, der unterschiedlichen Einkommensituationen, Lebensrealitäten und Entwicklungsvorstellungen.

 

Gibt es schon Ideen, wie man diese Diversität erreichen könnte? Das ist ja häufig eine große Herausforderung – allein dadurch bedingt, dass es schwierig ist, Zeit für ehrenamtliches Engagement aufzubringen.

In Bezug auf verschiedene Formen der Ansprache stecken wir noch in den Kinderschuhen. Da stellt sich die Frage: Welcher Ton ist eigentlich der richtige, welche Kanäle und Kommunikationswege sind sinnvoll? Was sind gute Möglichkeiten einer niedrigschwelligen, einladenden Ansprache und Aktivierung, sodass auch Berufstätige oder anderweitig vielbeschäftigte Personen einen Rahmen sehen, in dem sie sagen: „da ist mir eine Beteiligung und Einbringung wirklich möglich“. Ich möchte Menschen miteinander vernetzten und Sie für ihre eigenen Ideen und Projektvorschläge begeistern. Und ich möchte von vorne herein nicht alles vorgeben. Vielmehr geht es mir darum zur Orientierung eine Struktur und Richtung aufzuzeigen, auf markante Wegpunkte hinzuweisen und beim gemeinsamen Weg unterstützend zu begleiten. So soll letztlich dialogbasiert und Augenhöhe ein praktikabler gemeinsamer Modus entwickelt werden, der es den eigentlichen Akteur*innen ermöglicht nach Auslaufen dieses Förderprojektes eigenständig und selbstverwaltet ihr Nachbarschaftsgremium zu führen und es weiter zu gestalten. Bis hin zu formalen und strukturellen Grundsatzentscheidungen, beispielsweise über eine geeignete Organisationsform oder über den Ablauf einer Beschlussfassung gibt es da viele Weichenstellungen vorzunehmen. Wir schauen uns dazu natürlich Referenzbeispiele und -projekte an.

 

Welche Beispiele gut funktionierender Beteiligungsgremien können da als positive Referenzen dienen?

In Münster gibt es z.B. das Projekt Hansaforum, welches mitunter „guerilla-artig“ vorgeht und Einladungen ganz breit im Quartier streut. So erreichen die Verantwortlichen beispielsweise durch Postwurfsendungen auch Anwohnende, die noch nichts vom Projekt mitbekommen haben. Ich finde eine gute Variante ist auch, Menschen einfach im öffentlichen Raum anzusprechen oder auch auf niedergelassene Gewerbetreibende, Gastronomen Kultur-& Kunstschaffende zuzugehen. Ich fände es schön, so eventuell auch Personen zu erreichen, die sich bisher vielleicht noch nicht mit der Arbeit des Quartiersmanagements befasst haben, oder nichts von den vielfältigen Möglichkeiten der Einbringung und Mitgestaltung durch bisherige Beteiligungs-Organe wie den Quartiersrat und die Aktionsfondsjury im Schillerkiez mitbekommen haben.

Als weiteres Berliner Recherche-Beispiel dient der Wrangelkiezrat, der ebenfalls aus einer Verstetigung hervorgegangen ist. Er ist als Verein organisiert und trifft sich in regelmäßigen Abständen. Die Gruppe aus rund 15 Aktiven bespricht quartiersrelevante Themen und realisiert kleinere Projekte, welche teilweise durch Sachmittel des Bezirks finanziert werden können.

 

Wie sieht dein Arbeitsalltag im Moment aus? Welche Aufgaben stehen bei dir gerade an?

Momentan ist es wirklich noch ein „Vorstellig-Werden“ und Bekanntmachen des Projekts. Ich lerne Kiezakteur*innen, Ansprechpartner*innen und Interessensgruppen kennen. So habe ich zum Beispiel durch den 99. Quartiersrat Akteur*innen aus kiezverankerten Kinder- und Jugendinitiativen und deren Arbeitsschwerpunkte kennengelernt. Mit Interkular konnte ich beispielsweise Anfang Dezember auf dem Weihnachtsmarkt am Wartheplatz erste persönliche Kontakte knüpfen, oder ich habe beispielsweise grade vom Netzwerk der Gewerbetreibenden Selbst und Ständig e.V. gehört. Da möchte ich auf jeden Fall dranbleiben und weiterhin das Gespräch zu den vielzählig engagierten Akteur*innen und Initiativen im Schillerkiez suchen. Ein weiterer wichtiger Baustein besteht darin, sich wie erwähnt auch mit anderen noch in der Verstätigungsphase befindlichen Quartieren der „Soziale Stadt-Förderung“ zu vernetzen, oder von bereits erfolgreich „verstetigten“ Beteiligungsgremien zu lernen. Natürlich möchte ich aber auch die derzeit noch aktiven Quartiersrät*innen des Schillerkiezes selbst befragen, ob sie ihre bisherigen Erfahrungen einbringen möchten und welche Möglichkeiten sie dafür sehen, sich wünschenswerterweise auch künftig im SCHILLAMENT zu beteiligen.

 

Was nimmst du diesbezüglich für ein Stimmungsbild wahr? Gibt es Interesse weiterzumachen?

Es gibt soweit ich weiß einige, die sich vorstellen können, weiterzumachen. Diese Information basiert auf der vorangegangen Arbeit meiner Vorgängerin. Eine Rückmeldung war dennoch, dass es sich für mehrere befragte Personen aus zeitlichen und organisatorischen Gründen einfach schwierig gestaltet, regelmäßig an Quartiersratssitzungen teilzunehmen. Da ist zu überlegen, welche Form eines Austausches das womöglich besser auffangen könnte oder ob noch andere Formen der Einbringung und Äußerung hilfreich sein könnten.

 

Am 10. Dezember findet ja bereits die letzte Quartiersratssitzung statt und somit die offizielle „Übergabe“ der Beteiligung an das SCHILLAMENT. Was ist für diesen Abend geplant?

Am Abend selbst steht im Fokus den Aktiven und ehemals Aktiven aus Quartiersrat und Aktionsfondsjury explizit einen Dank auszusprechen und einen Rückblick auf die vielen dadurch auf den Weg gebrachten Projekte zu geben. Darüber hinaus soll ganz bewusst die Einladung ausgesprochen werden, sich auch in der neuen Beteiligungsphase des SCHILLAMENTS gestaltend miteinzubringen. Mein Wunsch wäre, dass anregend und phantasievoll diskutiert wird, wie in Zukunft mitgeredet werden kann. Natürlich wird die Kiezkapelle als ein erstes verortendes Zuhause des SCHILLAMENT-Projektes vorgestellt, was aber nicht heißt, dass immer alle Veranstaltungen dort stattfinden müssen. Schöner wäre es, wenn das SCHILLAMENT auch mobil im Kiez unterwegs sein könnte. Schlussendlich wird natürlich auch das erste Auftakttreffen im nächsten Jahr angekündigt. Der 100. Quartiersrat wird aber auch wichtig sein, um zu sehen, welche Gruppen noch nicht vertreten sind, um diese dann gezielt anzusprechen. Und natürlich auch um auszuloten, welcher Input für die weitere Aufbauarbeit benötigt wird (z.B. zur Organisationsform und den rechtlichen Grundlagen), der dann in zukünftigen Workshops bearbeitet werden kann. Wird es ein Gremium, Forum oder Stammtisch sein? All das soll ja darauf abzielen, dass das SCHILLAMENT auch selbstorganisiert weiter funktionieren kann, wenn meine Rolle in der Start- und Aufbauphase später einmal wegfällt.

 

Wenn man sich die letzten 15 Jahre Quartiersrat und Aktionsfondsjury ansieht – was sind die größten Herausforderungen aber vielleicht auch die größten Chancen dieses Neustarts?

Wie bei jedem Neustart ergibt sich gerade die Chance noch einmal tagesaktuell nach Bedarfen zu sehen, die diese Nachbarschaft heute hat. Es lohnt sich zu schauen, welche Themen über die Zeit relevanter geworden sind und somit schwerpunktmäßig behandelt werden sollten. Stärker in den Fokus rücken z.B. Themen, die sich mit Belangen der Umwelt, der Mobilität und Barrierefreiheit oder dem unmittelbaren Stadtbild vor der eigenen Haustür befassen - Stichworte sind hier beispielsweise Müll und Sperrmüll. Die Selbstwirksamkeit durch kleine Aktionen spielt dabei aber eine sehr große Rolle. Auch die weitere Entwicklung der Friedhofsflächen wird für zukünftige nachbarschaftliche Angebote und Möglichkeiten sehr prägend sein. Durch die Funktionsmischung der Grabpflege auf St. Jacobi, welche nicht selten von älteren oder alleinstehenden Personen verrichtet wird und den Gartenangeboten für alle Kiezbewohner*innen, die gerade auch Familien ansprechen, ergeben sich da ganz neue Formen der Begegnung und schöne Möglichkeiten eines vielfältigen und generationenübergreifenden Austausches.

 

Auf welche Aufgabe freust du dich gerade am meisten?

Ich freue mich sehr auf die Kiezkapelle als nachbarschaftlichen Ort, der zur Anlauf- und Schnittstelle für Aktive und Interessierte, für Personen mit Ideen und Visionen, aber auch mit Fragen oder Kiez-Sorgen werden soll. Vor Ort werden tolle projektbezogene Kooperationen mit der Raumkoordination Schillerkiez, dem Prinzessinnengarten Kollektiv und dem Campus Cosmopolis e.V. entstehen. Ich freue mich darauf, Teilhabe noch einmal gemeinsam zu hinterfragen, zu überdenken, auszuhandeln und vor allem experimentell, phantasievoll und ergebnis-offen zu erproben.
Das SCHILLAMENT ist für mich etwas Offenes und Gestaltbares – ich wünsche mir, dass unterschiedlichste Menschen mit ihren vielfältigen Perspektiven, Interessen und Talenten etwas dazu beitragen.

Das Gespräch führten Joan Hoffmann und Alina Schütze im November im QM-Büro.